"Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung." Wieder einmal wurde das Zitat unseres letzten Kaisers für eine politische Rede strapaziert. Damit steht der gute Wilhelm nun historisch gemeinsam mit Ex-IBM-Chef Thomas Watson am Innovations-Pranger: Dieser hatte 1943 irrtümlicherweise einen Weltmarkt für höchstens fünf Computer gesehen. Ein Wert, der heute schon locker von den meisten Haushalten mit tippfähigen Kindern getoppt wird.
Aber zurück zu Wilhelm: Gibt es heute noch Staaten und Regionen, in denen das Pferd das Verkehrsmittel Nummer eins ist? Zugegeben, umweltfreundlich und nachhaltig ist es ja und das Recycling stellt nach dessen Ableben auch kein Problem dar. Doch wo reitet man noch bevorzugt mit einer Pferdestärke von A nach B? Google verrät: In vielen ländlichen Regionen der Dritten Welt gibt es bis heute kaum Alternativen zum Vierbeiner. Dort dienen Pferde wie eh und je als Transportmittel, sie unterstützen bei der Feldarbeit und sie sind Währung und Aussteuer zugleich.
Warum ich mich so auf das arme Tier stürze? Ressourcenknappheit und Verdichtung der Ballungsräume sind nur zwei der Gründe, die uns dazu zwingen, unsere Mobilität wie wir sie bisher kannten zu überdenken. Unser Auto ist ebenso wie das Pferd Transportmittel, Währung und Aussteuer, und mehr noch - es hat durch die ausgeklügelten Marketingkampagnen der Automobilkonzerne ein nie dagewesenes emotionales Gewicht bekommen. Dieses muss der Autobesitzer meist teuer bezahlen.
Die gute Nachricht ist, dass das emotionale Band nicht mehr ganz so eng zu sein scheint. Immer mehr junge Leute verzichten besonders in Städten auf ein eigenes Fahrzeug und teilen sich Wege und Verkehrsmittel im Sinne einer shared mobility. Und trotzdem muss unsere Mobilität neu gedacht werden. Anders. Was bewegt uns? Wie bewegt es uns? Müssen wir uns überhaupt transportieren lassen?
Unsere Mobilitätsbedürfnisse haben sich verändert und damit auch unsere Ansprüche an den Transport. Wir wissen, was wir haben können und was möglich ist und beanspruchen dies auch für uns. Niemand möchte heute seine Einkäufe mit einem vor EDEKA wartenden Haflinger nach Hause transportieren. Und auch der Fahrradkeller eignet sich nur bedingt als Pferdestall. Hatte Kaiser Wilhelm nicht doch ein wenig Recht mit seiner Prognose, dass es sich beim Automobil um eine vorrübergehende Erscheinung handelt? Vielleicht noch nicht morgen oder übermorgen. Aber irgendwann bestimmt.